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Museen und Wellbeing – Zum Potenzial von Museen im Kontext von Fürsorge und Gesundheit

  • Sara Stocker Steinke
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 22 Stunden

Das neue ICOM-Magazin «Free Hospital» (Nr. 01/2025) von ICOM Deutschland markiert einen wichtigen Referenzpunkt für eine Entwicklung, die sich international seit Jahren abzeichnet, im deutschsprachigen Raum jedoch erst zögerlich etabliert: Museen werden zunehmend als Akteurinnen im Feld von Gesundheit, Wellbeing und sozialer Teilhabe verstanden. Wie konkrete Angebote umgesetzt werden können, schlägt das geplante Pilotprojekt «Museen auf Rezept» von INKLUSEUM vor.


Ausschnitt der Illustration des "Culture, Health and Wellbeing Frameworks" der Culture, Health and Wellbeing Alliance - by Jennie Ives

Das Museum als Wohlfühloase?

Das aktuelle ICOM-Magazin widmet sich der Frage, welche Rolle Museen im Kontext von Gesundheit, Wellbeing und gesellschaftlicher Fürsorge einnehmen können. Anhand internationaler Forschung, praxisnaher Ausstellungsbeispiele (u.a. «Hauptsache gesund» im Stapferhaus Lenzburg) sowie räumlicher und klanglicher Perspektiven zeigt das Heft, dass Wellbeing in Museen nicht nur als individuelles Wohlgefühl verstanden wird, sondern als ein ganzheitlicher Zustand, der körperliche, psychische und soziale Aspekte berücksichtigt.


Museen ermöglichen dabei ihren Besucher*innen, ihre Potenziale zu entfalten, Sinn zu erleben, Teilhabe zu erfahren und sich in ihrem Lebensumfeld sicher und unterstützt zu fühlen. Museen erweitern so ihre klassischen Bildungs- und Vermittlungsaufgaben, indem sie soziale und emotionale Ressourcen bereitstellen, Begegnungsräume schaffen und zur individuellen wie gesellschaftlichen Resilienz und Regeneration beitragen.


«Museums on prescription» (Museen auf Rezept) lassen sich vor diesem Hintergrund als konkreter Ansatz innerhalb dieser Bemühungen lesen – dort, wo kulturelle Teilhabe systematisch mit Gesundheits- und Sozialstrukturen verbunden wird. Genau hier setzt auch das Pilotprojekt «Museen auf Rezept» an, das INKLUSEUM derzeit aufbaut. Das Erscheinen des ICOM-Magazins ist deshalb ein idealer Anlass, die eigenen Überlegungen kurz zu erläutern und damit weitere Verbündete anzusprechen.


Museen und Wellbeing: ein etabliertes Forschungsfeld

Was in Grossbritannien seit über einer Dekade in der Kampagne «Museums change lives – Enhancing health and wellbing» der Britischen Museums Association etabliert ist, kommt langsam auch im deutschsprachigen Raum an.  So überrascht es nicht, dass ein Beitrag der britischen Museologin Nuala M. Morse das theoretische Rückgrat des deutschen ICOM-Magazins liefert. Als Associate Professor für Museum Studies an der University of Leicester forscht Morse seit Jahren zum Thema und publizierte 2021 ihre Ergebnisse in «The Museum as a Space of Social Care» (Routledge, 2021). Sie vertritt die These: Museen sind nicht nur Orte kultureller Bereicherung, sondern Teil einer Kette von Fürsorgeinstitutionen – neben Krankenhäusern, sozialen Einrichtungen und Community Spaces.


Diese Annahme ist inzwischen empirisch gut belegt. Morse fasst eine Vielzahl internationaler Langzeitstudien zusammen, u. a. verweist sie auf die «Culture for Health EU Initiative» (Cultureforhealth.eu) und den WHO Europe Report What is the evidence on the role of the arts in improving health and well-being? A scoping review von 2019.


Die Ergebnisse sind bemerkenswert:


  • Regelmässige Museumsbesuche korrelieren mit höherem psychischem Wohlbefinden und sogar mit geringerer Mortalität.

  • Bei Menschen über 50 Jahren zeigen sich reduzierte Depressionsraten, geringere Einsamkeit, weniger chronische Schmerzen und ein niedrigeres Risiko für Gebrechlichkeit.

  • Langzeitdaten belegen einen präventiven Effekt gegenüber Demenz und kognitivem Abbau.

  • Auch physiologische Effekte sind messbar: sinkender Cortisolspiegel, reduzierter Blutdruck, Stressabbau nach kurzen Museums- oder Galeriebesuchen.


Diese Effekte bleiben auch dann bestehen, wenn sozioökonomischer Status, Bildungsniveau oder Vorerkrankungen statistisch kontrolliert werden. Kultur wirkt also nicht nur indirekt, sondern als eigenständiger gesundheitsfördernder Faktor wie die UCL Social Biobehavioural Research Group um Daisy Fancourt zeigen konnte.

 

Von Evidenz zu Praxis: Social Prescribing und Museen auf Rezept

Besonders relevant für Museen ist laut Morse der Ansatz des Social Prescribing: kulturelle Angebote werden von Ärzt*innen oder sozialen Fachstellen gezielt empfohlen und verschrieben – nicht als Therapieersatz, sondern als ergänzender Bestandteil eines ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses.


Internationale Beispiele zeigen, dass Besuche auf Rezept das subjektive Wohlbefinden verbessern, soziale Beziehungen stärken und das Gefühl von Sinn, Teilhabe und Selbstwirksamkeit steigern. (Genaueres findet man dazu in den Evaluationen der Projekte «Museums on Prescription» (London), «Thursday at the Museum» (Montreal) oder «ARTEMIS» (Städel Museum Frankfurt)).

 

Entscheidend ist dabei: Diese Programme funktionieren nicht automatisch, nur mit einem Gratis-Ticket (wie dies aktuell in Neuenburg der Fall ist). Sie entfalten ihre Wirkung vor allem dann, wenn sie zugänglich, co-produziert, professionell begleitet und ethisch reflektiert sind. Dies zeigt auch der Weg des Montreal Museum of Fine Arts: Nach ersten Erfahrungen vor der Corona Pandemie und einem Ausbau des Web-Angebots während der Pandemie entwickelt das Museum mittlerweile Gruppenaktivitäten wie «Making connections» in Kooperation mit Organisationen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen im Rahmen ihres Accessibility-Programm «Sharing the Museum».


Qualität statt Symbolpolitik: das Creative Health Quality Framework

Morse fügt in ihrem Artikel die Grafik des Creative Health Quality Framework der «Culture Health and Wellbeing Alliance» mit Qualitätsmerkmalen an, die aufgrund der Erfahrungen aus zahlreichen Kreativ-Projekten im Gesundheitsweisen erarbeitet wurden. Die Prinzipien machen deutlich, dass gesundheitsbezogene Kulturarbeit vor allem dann wirksam und erfolgsversprechend ist, wenn sie personenzentriert, gerecht, kollaborativ und reflektiert umgesetzt wird.


Grafik mit einem Kreis und 8 Symbolen, die folgende Bereiche darstellen:  Personenzentriert - Gerecht - Sicher- Kreativ - Kollaborativ - Realistisch - Reflektiv - Nachhaltig.
Poster "Creative Health Quality Framework - Quality Principles" der "Culture Health & Wellbeing Alliance" - by Jenni Ives

Besonders relevant für «Museen auf Rezept» sind dabei zwei inklusive Aspekte:


  1. Person-centred & equitable: Angebote werden nicht für, sondern mit den Menschen entwickelt, die sie betreffen.

  2. Collaborative & reflective: Qualität entsteht durch interdisziplinäre Zusammenarbeit und kontinuierliche Evaluation.


Genau hier setzt das Pilotprojekt von INKLUSEUM an.


Der INKLUSEUM-Ansatz: Co-Kreation als Struktur, nicht als Methode

Das Pilotprojekt «Museen auf Rezept» versteht partizipative Zusammenarbeit nicht als punktuelle Beteiligung, sondern als strukturelles Prinzip. Im Zentrum steht eine gleichwertige Co-Kreation zwischen


  • Personen aus dem Museumssektor (Vermittlung, Besucherdienst, Sammlung),

  • Fachpersonen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen,

  • und – entscheidend – betroffenen Personen, die ihre eigenen Erfahrungen mit psychosozialen Belastungen einbringen.


Diese Perspektiven werden bewusst nicht hierarchisiert, sondern in Entwicklungsteams 

zusammengeführt, die von INKLUSEUM begleitet werden. Betroffene sind dabei nicht Zielgruppe, sondern Co-Expert*innen. Ihre Erfahrungen bilden eine zentrale Wissensquelle für die Angebotsentwicklung. Dieses Vorgehen trägt der Erkenntnis Rechnung, dass nachhaltiges Wellbeing nur dort entsteht, wo Menschen Anerkennung, Selbstwirksamkeit und Mitgestaltung erfahren – Aspekte, die auch in der Forschung von Nuala Morse als zentrale Wirkmechanismen benannt werden.


Methodisch wird dieser Anspruch durch einen Design-Thinking-Ansatz eingelöst:

Aufbauend auf gemeinsamen Bedürfnisanalysen folgen eine iterative Ideengenerierung, die Entwicklung von Prototypen, Pre-Tests und schliesslich die begleitete Anwendung und Evaluation durch die Berner Fachhochschule Departement Soziale Arbeit. Das Ziel ist nicht primär ein einzelnes ‘rezeptfähiges’ Angebot, sondern ein übertragbares Modell, das Museen befähigt, ihre Rolle als soziale Akteur*innen nachhaltig weiterzuentwickeln.


Museen auf Rezept als Entwicklungsprozess

Im Unterschied zu bestehenden Social-Prescribing-Ansätzen in der Schweiz, die häufig auf individuelle Besuche (Städtische Museen Neuenburg, Musée Ariana, Genf) oder therapeutische Vermittlung (Muséothérapie im Musée des Beaux Arts, Lausanne) setzen, versteht sich das Berner Pilotprojekt explizit als partizipativer Entwicklungsprozess .


Museen werden nicht nur Ausführende, sondern lernende Organisationen:


  • Sie bauen Kompetenzen im Umgang mit neuen Anspruchsgruppen auf.

  • Sie reflektieren eigene Barrieren und institutionelle Routinen.

  • Sie stärken ihre gesellschaftliche Relevanz jenseits klassischer Besuchslogiken.


Damit verbindet «Museen auf Rezept» individuelle Wirkungen mit strukturellen Effekten: Abbau von Zugangsbarrieren, neue Kooperationsformen, sozial nachhaltige Museumsarbeit, die einen Beitrag zur gesundheitlichen Prävention leistet und damit längerfristig das Gesundheitssystem entlasten kann.


Das Konzept stösst bei bislang angefragten Museen auf reges Interesse - der Nutzen ist klar. Was fehlt, sind seitens INKLUSEUM vor allem zeitliche Ressourcen für Fundraising und die strukturelle Verankerung. Weitere Verbündete, die beim Aufbau unterstützen können, sind willkommen.


Fazit: Ein gesellschaftliches Lernfeld für Museen

Das ICOM-Magazin macht deutlich: Museen verfügen über ein bislang unterschätztes Potenzial im Feld von öffentlicher Gesundheit, sozialer Teilhabe und Wellbeing. Für Museen, die sich als gesellschaftlich relevante Akteur*innen verstehen, eröffnet sich hier ein strategisches Entwicklungsfeld – jenseits von Eventlogik und Symbolpolitik. Die Frage ist nicht mehr, ob Museen einen Beitrag zu Wellbeing leisten können – sondern wie verantwortungsvoll, inklusiv und partizipativ sie diesen Beitrag gestalten.


INKLUSEUM wird diesen Weg weiterverfolgen. Das Pilotprojekt «Museen auf Rezept» bietet hierfür einen konkreten, anschlussfähigen Rahmen. Es versteht sich nicht als therapeutisches Instrument, sondern als gesellschaftliches Lernfeld. Ein Feld, in dem Museen gemeinsam mit Betroffenen und Fachpersonen neue Formen von Teilhabe, Fürsorge und kultureller Relevanz erproben.


Interessiert? Dann melden Sie sich unverbindlich bei uns!



Literatur und Links



Standbein Spielbein: „Wohlfühlen im Museum“, No.121, Museumspädagogik aktuell, Nr. 1, 2024.

John H. Falk: The Value of Museums. Enhancing Societal Well-Being, Rowman, 2021.

Nuala M. Morse: The Museum as a Space of Social Care, Routledge, 2021.

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